Wenn die Geister rufen

Kapitel 1 – Aufbruch

Wenn die Geister rufen: Kapitel 1 – Aufbruch, gelesen von Lisa Koscielniak

Gelangweilt lehnte ich mich leicht aus dem Autofenster und betrachtete die vorbeirauschenden Bäume. Der Fahrtwind blies mir meine Haare ins Gesicht und ließ meine Augen tränen. Ich seufzte angespannt, legte meinen Kopf auf meinen Arm und schloss meine Augen. Nervig. So nervig. Einfach alles. Ich verstand nicht, warum wir unbedingt umziehen mussten. Zuhause war doch alles gut gewesen. Aber meine Meinung zählte ja nicht. Das tat sie nie und jetzt, wo Mutter nicht mehr da war schon gar nicht. Sie hatte immerhin noch zu mir gehalten. Und jetzt war sie weg. Hatte mich einfach alleine gelassen.

Gut, ich hatte noch meinen Vater, aber er war seit dem Unfall nicht mehr derselbe. Das waren wir beide nicht. Doch das mit dem Umzug wäre trotzdem nicht nötig gewesen. Die Familie meiner Mutter hatte uns einen Brief geschrieben und uns eingeladen zu ihnen in das Haus zu ziehen, das schon seit Generationen im Besitz ihrer Familie war. Wir hatten vorher kaum Kontakt zu ihnen und Mutter hatte sie nur selten erwähnt. Deshalb wunderte ich mich noch mehr, dass Vater das Angebot angenommen hatte und wir jetzt dorthin fuhren. Er meinte zwar, dass wir noch zurückgehen konnten, wenn es uns dort nicht gefällt, aber ich wusste, dass das nicht passieren würde.

Ich konnte es in seinen Augen sehen. Vielleicht hoffte er Mutter näher zu sein, wenn er an dem Ort wohnte, an dem sie aufgewachsen war. Vielleicht wollte er auch nur mehr über ihre Vergangenheit herausfinden. Immerhin hatte sie kaum darüber gesprochen. Selbst ich musste zugeben, dass ich neugierig war. Auch ich wollte ihre Familie kennenlernen. Sehen, wo sie aufgewachsen war. Aber gleich dorthin ziehen? Das war ja wohl nochmal etwas anderes. Wir fuhren schon eine ganze Weile und ich hatte das Gefühl, dass nicht nur das Internet immer weniger wurde, sondern auch die Zeichen von Zivilisation.

Der Ort hatte mir auch nichts gesagt. Anderdorf. Auch eine kleine Google Recherche hatte keine Erleuchtung gebracht. Ich konnte weder Bilder, noch sonstige Einträge von diesem Ort finden. Als würde er nicht existieren. Mein Verdacht wurde immer größer, dass es dort gar kein Internet mehr gab. Das würde ja toll werden. Abgeschnitten von der Außenwelt, an einem Ort, den das Internet nicht kannte. Könnte auch ein guter Horrorfilm sein. Wäre es einer, dann würde ich sicherlich zuerst sterben. Ich war in so was gar nicht gut. Der Gedanke beunruhigte mich und ich versuchte an etwas anderes zu denken.

„Wann sind wir da?“, fragte ich und Vater meinte „wir haben schon über die Hälfte des Weges hinter uns. Hast du Hunger? Bei dir auf der Rückbank müsste irgendwo ein Tupper mit Keksen sein…“. Ich seufzte und kramte zwischen all den Jacken, Koffern und Rucksäcken neben mir eine blaue Tupperdose hervor. Lustlos knabberte ich an einem der Kekse und schaute wieder aus dem Fenster. Wir fuhren schon länger auf keiner richtigen Straße mehr. Das war eher ein Feldweg. Ob wir überhaupt noch richtig waren? Wir konnten ja kein Navi benutzen, weil dieser verdammte Ort nur auf einer alten Karte verzeichnet war, die dem Brief beilag, den wir bekommen hatten.

Ich hatte ja vorher schon kein gutes Gefühl gehabt, aber es wurde jetzt noch negativer. Was würde uns wohl erwarten, wenn wir überhaupt am Zielort ankommen? Vor mir sah ich ein mittelalterliches Dort mit Kutschen und Leuten in altertümlichen Kleidern. Bitte nicht. So würde es hoffentlich nicht aussehen. Ein bisschen moderner war es sicherlich. Wenn wir über die Hälfte des Weges hinter uns haben, dann sind wir sicherlich noch eine Weile unterwegs. Ich schloss das Tupper und machte die Augen zu. Vielleicht konnte ich ja noch ein wenig Schlaf nachholen. Immerhin konnte ich in der Nacht vor Aufregung und Nervosität kaum schlafen und dann sind wir auch noch mitten in der Nacht aufgestanden und losgefahren. Es dauerte eine Weile, aber dann schlummerte ich tatsächlich weg und träumte davon, wie ich durch ein mittelalterliches Dorf rannte und vor Monstern flüchtete, die mich verfolgten.

© Lisa Koscielniak and Lisas Gedankenbutze

2021-05-25T15:22:00

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Kapitel 2

Veröffentlicht von LisaK

Autorin und Bloggerin

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