Wenn die Geister rufen

Kapitel 3 – Ankunft

Wenn die Geister rufen, Kapitel 3 – Ankunft, gelesen von Lisa Koscielniak

Wir durchquerten einen großen Torbogen und fuhren wieder auf Straßen. Eigentlich sollte ich mich darüber freuen, aber es waren keine normalen Straßen. Sie hatten noch dieses alte Kopfsteinpflaster und wir wurden weiterhin ordentlich durchgeschüttelt. Das Unwetter hatte inzwischen seinen Höhepunkt erreicht und das Gewitter musste genau über uns sein. Jedenfalls donnerte und blitze es gewaltig. Ein paar Straßenlaternen erleuchteten den Wegrand, aber ich konnte trotzdem kaum etwas von meiner Umgebung erkennen. Die Wolken hatten den Himmel quasi zur Unkenntlichkeit verdunkelt. Die Straßen waren ganz schön unübersichtlich und ich war froh, dass uns die Leute aus der Stadt begleiteten und den Weg zeigten. Wir bogen so oft ab, dass ich am Ende komplett die Orientierung verloren hatte. Das war ja ein wahres Labyrinth!

Beim Herausstarren aus dem Fenster fiel mir etwas auf. Einer unserer Begleiter schien durch das Beifahrerfenster und damit genau auf mich zu starren. Ich konnte es nicht mit Gewissheit sagen, weil er seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen hatte und ich nur einen Schatten und keinerlei Mimik oder gar seine Augen sehen konnte. Vielleicht halluzinierte ich auch nur. Meine Stirn fühlte sich heiß an und ich zitterte immer noch vor mich hin. Vielleicht hatte ich ja Fieber und bildete mir das nur ein. Deswegen wirkt sein Schattengesicht vielleicht auch so unheimlich. Ob das derjenige war, der vorhin gekichert hat? Könnte sein. Ich starrte noch eine Weile zurück und sah dann wieder nach vorne.

Unsere Begleiter waren durch den Regen zwar pitschnass, aber dafür wieder recht sauber, während ich und Vater noch aussahen, als hätten wir an drei Runden Schlammketschen teilgenommen. Vielleicht auch vier. Der Dreck trocknete auch so langsam und fing an zu jucken. Das auch noch. Ich kratzte mich geistesabwesend am Kopf und ein bisschen Erde bröckelte herunter. Dann tippte Vater mich an der Schulter an und wies nach vorne. „Das ist es…“, murmelte er und machte große Augen. Ich wunderte mich nur kurz darüber. Als ich das Anwesen vor uns sah, machte ich ebenfalls große Augen. Oh. Das hatte ich nicht erwartet. Soweit ich das erkennen konnte, war es eine dieser riesigen, alten Stadtvillen. Selbst bei Gewitter ziemlich schick. Ich fragte mich nur, wer da alles drin wohnt. Riesig war ja fast noch untertrieben. Es war gewaltig. Wir durchquerten ein Eingangstor, fuhren einen kleinen Kiesweg entlang und parkten vor dem Anwesen.

Beim Aussteigen fegten mir eisiger Wind und einige Regentropfen entgegen. Hoffentlich war es drinnen wärmer, als es von außen aussah. Das Eingangstor öffnete sich und eine ältere Frau kam heraus, die von einem Mann begleitet wurde, der ihr Butler zu sein schien. Zumindest war er so angezogen, wie ich mir einen Butler vorstellte und hielt einen Regenschirm über sie, während er im Regen stand. Der Arme. Die Frau hatte recht kurze, silbergraue Haare und war sehr schmal. So schmal, dass ich Angst hatte, dass sie wegfliegen würde. Immerhin zerrte der Wind an mir schon so heftig und ich war nicht so schmal wie sie. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug und wirkte sehr streng und autoritär. Der Blick, mit dem sie uns musterte, sprach bände. Sie war enttäuscht. Wahrscheinlich bereute sie es schon, dass sie uns eingeladen hatte. Am besten sie lädt uns sofort aus, dann können wir wieder zurückfahren. Doch die leise Hoffnung erstarb sofort wieder.

Sie setzte ein Lächeln auf und kam nun strahlend auf uns zu „endlich seid ihr da! Ich freue mich sehr, dass ihr meiner Einladung nachgekommen seid. Es tut mir leid, dass eure Reise anscheinend nicht ganz reibungslos verlaufen ist, aber jetzt seid ihr ja da…“, sie gab den umstehenden Männern ein Zeichen und die begannen sofort das Auto leerzuräumen und unsere Sachen in das Haus zu bringen. „Wir können unsere Sachen aber auch selber…“, fing ich an, aber sie unterbrach mich „ab heute nicht mehr Kleines. Ihr seid jetzt meine Gäste und werdet dementsprechend behandelt. Es wurde wirklich Zeit, dass wir uns offiziell kennenlernen. Wenn ich mich also vorstellen darf. Ich bin Marienne Clair, die Besitzerin von Clair Manor, welches sich schon seit Jahren in unserem Familienbesitz befindet.“ Vater gab ihr die Hand und sagte „wir freuen uns auch. Ich bin Klaas und das ist meine Tochter Dana. Tut mir leid, dass wir so verdreckt aussehen, aber unsere Auto ist auf der Fahrt hierher steckengeblieben und…“, sie unterbrach ihn wieder und schüttelte ein wenig zu intensiv und eindeutig zu lange seine Hand. „Ach, das macht doch nichts. Ich verstehe das. Ihr habt jeder ein eigenes Badezimmer zu Verfügung und könnt euch gleich frisch machen und ausruhen!“, sie ergriff jetzt auch meine Hand, ließ sie jedoch sehr viel schneller wieder los. „Also, gehen wir hinein, sonst sind holen wir uns noch eine Erkältung!“, sie drehte sich schwungvoll um und steuerte die Eingangstor an.

Die anderen Männer waren inzwischen auch wieder da und kamen auf uns zu. Ich betrat die glatten Treppenstufen und wenn ich glatt sage, dann meine ich glatt. Glatt und nass. Ihr ahnt, was passiert ist? Ich bin ein weiteres Mal ausgerutscht. Der Kapuzentyp war zum Glück in meiner Nähe und fing mich im letzten Moment auf. Das hätte böse enden können. Ich wollte mich bei ihm bedanken, aber es kam nur ein Flüstern heraus. Ich blinzelte verwirrt und versuchte zu verstehen, was gerade passierte. Der Kapuzentyp wusste es. „Hey, ich glaube das Mädchen hat Fieber…“, seine Stimme klang ganz dumpf. Es war so, als hätte mein Körper bis zur Ankunft in Clair Manor gekämpft und jetzt einfach damit aufgehört. Ich zitterte noch stärker als vorher und wäre umgekippt, hätte der Kapuzentyp mich nicht festgehalten. „Bring sie rein, ich rufe den Arzt!“, hörte ich eine weibliche Stimme rufen und dann wurde ich auch schon hochgehoben und  hineingetragen. So hatte ich mir meine Ankunft hier wirklich nicht vorgestellt…

© Lisa Koscielniak and Lisas Gedankenbutze

2021-06-08T15:30:00

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Kapitel 4

Veröffentlicht von LisaK

Autorin und Bloggerin

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