Wenn die Geister rufen

Kapitel 6 – Gequälte Seelen

Wenn die Geister rufen – Kapitel 6: Gequälte Seelen, gelesen von Lisa Koscielniak

Ich traute mich nicht, mich zu bewegen und scannte den Dachboden nach Bewegungen oder Anzeichen, dass jemand dort war und ich mir das alles nicht einfach nur eingebildet hatte. Das einzige Geräusch, das zu hören war, war mein schneller Atem. Dann flackerte meine Kerze auf einmal und ein kalter Luftzug ließ mich frösteln. Ich fühlte mich beobachtet, aber es war immer noch niemand zu sehen. Das war doch alles nicht wahr. Ich wollte gehen. Nein. Rennen. Einfach die Treppe runter und in mein Bett. Decke über den Kopf und so tun, als wäre nichts passiert. Und dann hörte ich es wieder. Flüstern. Direkt in meiner Nähe.

„Sie ist es… sie muss es sein!“, „dieser Geruch…“, „genau der gleiche! Aber sie sieht anders aus!“, „es gibt nur eine Lösung! Wenn sie uns hören kann…“, erwartungsvolle Stille breitete sich aus. „Ich höre gar nichts. Ich gehe jetzt einfach und tue so, als hätte ich nichts von alldem mitbekommen“, sagte ich und wollte dabei überzeugend klingen, aber meine Stimme zitterte. Langsam stand ich auf und drehte mich Richtung Tür. „Sie ist es!“, „Sie darf nicht gehen!“ und damit knallte die Tür zum Dachboden ins Schloss und der Windzug blies meine Kerze aus. Das hast du ja super hingekriegt Dana. Ich stand in vollkommener Dunkelheit. In welcher Richtung war die Tür noch gleich?

„Bitte, hab keine Angst! Wir wollen dir nichts tun.“, „Das könnten wir auch gar nicht…“, „sehr beruhigend, halt du dich da raus, wir regeln das!“, „ist ja gut…“, „setz dich erstmal hin. Du siehst ein wenig blass aus.“. Ich hörte auf das Flüstern und setzte mich auf den Boden. „Wer seid ihr?“, meine Stimme zitterte immer noch „was ist hier eigentlich los?“, „wir sind Geister…“, „Seelen, die den Weg in die Freiheit nicht finden können…“, „genau. Wusstest du, dass es hier einmal ein großes Massaker gab? Wir sind diejenigen, die damals ermordet wurden. Seit diesem Tag sind wir an dieses verfluchte Anwesen gebunden und finden keine Ruhe. Wir dachten, dass wir niemals befreit werden würden, aber dann gab es hier dieses Mädchen. Sie war die Einzige, die uns hören konnte und wir erzählten ihr unsere Geschichte. Sie hat versucht uns zu helfen, aber es wurde zu viel für sie und sie ist gegangen. Du riechst wie sie und du kannst uns ebenfalls hören. Du bist unsere letzte Chance!“. „Wie hieß dieses Mädchen?“, fragte ich und ahnte die Antwort bereits. „Maria…“, flüsterte es und mein Herz zog sich zusammen.

„Maria war meine Mutter…“, flüsterte ich, „so ist das… seid ihr zurückgekommen, um uns zu befreien?“, fragte ein Geist hoffnungsvoll. „Nein, tut mir leid. Ich wusste von alldem nichts. Maria ist gestorben. Wir sind aufgrund der Einladung ihrer Mutter hier.“, antwortete ich. „Oh… Das tut uns leid…“, flüsterte es und ich nickte. „Ich bin übrigens Dana…“, meinte ich dann „es ist uns eine Freude dich kennenzulernen.“. „Ihr habt gesagt, dass ihr an dieses Haus gebunden seid. Wie könnte ich euch denn befreien?“, „unser Fall wurde nie aufgeklärt. Der Mörder wurde nie gefunden, aber er ist noch hier. Er muss gefunden und gestellt werden. Das ist die einzige Möglichkeit! Er ist kein normaler Mensch mehr und zieht seine Kraft aus uns. Dadurch konnte er bis jetzt weiterleben“, ich schluckte. Einen unsterblichen Mörder stellen? Wie sollte ich das denn hinbekommen? „Seid ihr euch sicher, dass ich die richtige bin?“, fragte ich und einer der Geister antwortete „ohne Zweifel. Du bist es. Wir wissen, dass wir dir damit eine große Bürde auferlegen, aber du bist unsere letzte Hoffnung.“. „Ich werde es versuchen…“, sagte ich und blickte überzeugt in die Dunkelheit. „Ich werde euch befreien und den Mörder finden!“, „Vielen Dank! Aber du musst vorsichtig vorgehen. Wenn der Mörder erfährt, dass du uns hören kannst, wird er hinter dir her sein…“, „okay…“, murmelte ich unsicher und fragte dann: „Könnt ihr mir noch ein paar mehr Anhaltspunkte geben? Ihr sprecht immer von einem Mörder. Ist es ein Mann? Was ist damals genau passiert?“

Plötzlich knarrte es und Licht fiel auf die Treppe vor mir. Jemand hatte die Tür geöffnet und die Geister waren verstummt. „Hallo? Ist hier jemand drin?“, die Stimme kannte ich doch. „Ja, ich bin hier!“, rief ich zurück, stand auf und schaute zur Tür. Der Kapuzentyp stand im Türrahmen und musterte mich misstrauisch. „Was machst du denn da oben in der Dunkelheit?“, „oh, ich dachte, ich hätte was gehört und wollte nachschauen. Dabei ist dann leider die Tür ins Schloss gefallen…“, ob er mir meine Lüge abkaufen würde? „Du also auch, ja?“, fragte er und kam die Treppe hoch. „Auch?“, fragte ich und er nickte „ich habe selbst schon Geräusche von hier oben gehört…“, er sah sich um und zog dann an einer Schnur an der Decke. Ein paar Lampen gingen an und erleuchteten den Raum. Plötzlich krachte irgendetwas auf den Boden und wir schraken zusammen. „Warst du das?“, fragte er und ich antwortete empört „nein, diesmal nicht. Das kam von da hinten!“, vorsichtig gingen wir in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

„Dort sind alle Unterlagen von damals. Mehr wissen wir leider auch nicht, die Erinnerungen an diese Nacht sind verschwommen. Sieh sie dir an, vielleicht hilft es!“, flüsterte mir einer der Geister ins Ohr. Einer der Geister musste hier in der Ecke einen Karton heruntergeschmissen haben. Er war vom Sturz aufgegangen. Alte Zeitungsartikel und Fotos lagen auf dem Boden. „Das sind doch…“, murmelte der Kapuzentyp, hockte sich hin und nahm einen der Zeitungsartikel. Ich hockte mich neben ihn und pustete den Staub von einem der Fotos. „Das Massaker von damals…“, flüsterte er und griff nach dem nächsten Zeitungsartikel. „Weiß du mehr darüber?“, fragte ich und er meinte „nein, nicht wirklich. Meine Familie ist erst später nach Anderdorf gezogen. Ich habe nur die Erzählungen der anderen gehört…“. Gemeinsam lasen wir die Zeitungsartikel und betrachteten die Bilder. Es wurde berichtet, dass jemand in der Nacht in das Waisenhaus eingebrochen war. Alle schliefen schon und sie hatten keine Chance zu entkommen. Eines der Fotos zeigte einen blutüberströmten Körper, der sich zur Tür streckte. Die Fotos waren nur schwer zu ertragen. Jemand hatte alles dokumentiert. Sollten diese Fotos nicht eigentlich bei der Polizei sein? Das war wirklich alles sehr merkwürdig. „Ich bin übrigens Flo!“, sagte er auf einmal und reichte mir die Hand. „Ich bin Dana, schön dich kennenzulernen!“, entgegnete ich und schüttelte seine Hand. Dann hat sich dieses Mysterium ja schon mal geklärt.

© Lisa Koscielniak and Lisas Gedankenbutze

2021-06-29T15:30:00

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Kapitel 7

Veröffentlicht von LisaK

Autorin und Bloggerin

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